~ Rezension ~
☆☆☆☆☆
„Und dann hatten wir die Schwertlilien, die sich schön und kühl auf ihren hohen Stängeln reckten, wie geblasenes Glas, wie pastellfarbenes Wasser, für einen Augenblick nur in einem Spritzer gefroren, hellblau, hellviolett, und die dunkleren, samtig und purpurrot, schwarzes Ferkelkraut in der Sonne, indigoblauer Schatten, und die Tränenden Herzen, so weiblich in ihre Form – erstaunlich, dass sie nicht längst ausgerissen worden waren.“ – Der Report der Magd, S. 204
Zum Inhalt:
Margret Atwood entwirft einen totalitären Staat, in dem Frauen keine Rechte mehr haben. Die Gesellschaft des fiktiven Staates Nordamerikas ist in Farben aufgeteilt, um Klassen zu kennzeichnen und unter den Frauen vor allem eins: Ihre Fruchtbarkeit. Rot für die Mägde, grün für Dienerinnen. Ein schönes blau für die Frauen höherer Stände und jene farblosen, die in Kolonien abgeschoben werden, um gefährlichen Arbeiten, wie der Giftmüllentsorgung, nachzukommen. ••• Desfred besitzt zumindest noch Eines: ihre Hoffnung, die ihr auch Wächter und Spione nicht nehmen können. Nach dem großen Gesellschaftswandel ist sie eine der Frauen, die sich als noch fruchtbar erwiesen hat. Damit hat sie die „Ehre“, im Haus eines Kommandanten unterzukommen, wo sie verhältnismäßig gut umsorgt wird. In ihrem jetzigen Leben dreht sich alles, um einen ganz besonderem Tag im Monat, an dem sie sich dem Kommandanten entwürdigend, und im Beisammensein der Ehefrau, hingeben muss, um Nachkommen für die Familie zu zeugen. Alles läuft nach scheinbar biblischem Vorgehen ab. Dabei hat sie Scheuklappen um, die ihr verbieten, andere Menschen anzusehen oder besser, von anderen gesehen zu werden. Das ist auch im übertragenden Sinne zu sehen. ••• Sich dem totalitärem Regime unterwerfend, hat Desfred keine andere Wahl, als die Regeln zu befolgen. Oder gibt es doch einen Weg, dem Leben als ‚Gebärmaschine‘ zu entkommen?
Meine Meinung:
„Das Fenster ist so weit wie möglich geöffnet, eine leichte Brise geht, heiß im Sonnenschein, und der weiße Stoff weht mir ins Gesicht. Von draußen muss ich aussehen wie ein Kokon, ein Gespenst, das Gesicht so verhüllt, dass nur die Umrisse zu sehen sind, Nase, verbundener Mund, blinde Augen.“ – Der Report der Magd, S. 229
Korrupt, erbarmungslos und doch brav nach biblischem Vorbild handelnd. Mit dem „Report der Magd“ habe ich mein erstes Buch von Margaret Atwood gelesen und es geliebt. Der Schreibstil ist voller Zweideutigkeiten und doch so eindeutig, wie Eiklar. In 392 Seiten bin ich den Gedanken der Protagonistin, Desfred, gefolgt, deren Leben sich in fast einem einzigen Zimmer abspielt. Als fruchtbare Magd wurde sie dem Kommandanten Fred zugeteilt, dessen Haus sie nur selten verlassen darf. Und wenn, ist sie niemals alleine unterwegs, stets zu zweit, damit die eine die Vernunft der anderen bestätigen kann. Komplett entrechtet spielen sich Desfreds Gedanken zwischen der alten und narrativen jetzigen Zeit ab. Der Leser lernt also nicht nur die gegenwärtige Desfred kennen, sondern auch die damalige Mayday, die ganz anders in ihrem Wesen war. Diesen behält sie noch immer, heimlich, in sich, um Hoffnung auf bessere Zeiten zu bewahren.
ACHTUNG: leichte Spoiler ↓
Dadurch erlebt man ihre Gefühlslagen authentisch und nachvollziehbar. Einsamkeit wird in der Geschichte groß geschrieben. Beim Lesen taucht man in den Kopf von Desfred ein und man begleitet sie durch ihre eintönigen Tage, an denen sie für ca. zwei Stunden das Haus verlassen darf. Dann tätigt sie Einkäufe und läuft an der Mauer vorbei, an denen (ehemalige) Verbrecher aller Art präsentiert werden. Man spürt die weißen „Scheuklappen“ Desfreds am eigenen Gesicht, sieht was sie sieht und fühlt, was sie fühlt.
In ihr entwickelt sich ein Zwiespalt. Auf der einen Seite steht die Furcht vor Strafen, auf der anderen die Begierde nach Freiheit und Begehren. Dafür unterwirft sie sich dem neuen totalitären System, das sie doch immer wieder zu umgehen versucht. Doch spannend ist, dass sie hier nicht allein ist. Sie trifft auf Personen, die ihr (unerwarteter Weise) schon voraus sind und im geheimen Gegner des Staates sind. Sich diesem nicht vollends hingeben. Das sind sowohl Männer, als auch Frauen. Hier findet sie Freundschaften, die den Mägden auch untersagt sind, die jeden Moment durch Augen (Spione) entdeckt und bestraft werden könnten. Dazu gehört der Kommandeur Fred, der sich von seiner Ehefrau entfernt und sich von Desfred wahre Zuneigung wünscht. Anders als zuvor erwartet, scheint er ein Mann der alten Gebrauche zu sein, denn verbotener Weise schenkt er Desfred Momente der „Freiheit“, was mit der Erlaubnis zum Lesen beginnt. Klar, dass sie sich vorerst nicht sicher ist, was das soll, und die Hintergründe des Mannes herausfinden möchte. Sie möchte nicht in eine Falle tappen und mit dem Tod bestraft werden.
Während des gesamten Lesens habe ich mich gefragt, wie ich in der Situation von Desfred handeln würde. Was ist, wenn ich einem solchen Staat und seinen entwürdigenden Regeln unterworfen wäre? Es tauchen verschiedene Charaktere auf, die auf unterschiedliche Weise mit dem Gesellschaftswandel umgehen. Die wichtigsten Personen sind hier die Frau des Kommandanten, Serena Joy, Desfreds Freundin aus vorherigen Zeiten, Moira, die Begleitung ihrer Spaziergänge, Desglen, und Nick, ein Angestellter von Fred.
Ich glaube, ich würde ähnlich wie Desfred handelt. Im Geheimen versuchen, mein wahres Ich beizubehalten und es bei Zeiten richtig einsetzen. Nach außen hin brav, im Inneren der Sinn nach Freiheit und die Begierde nach Verbotenem. (Kein Spoiler, lest selbst, wie die Geschichte von Desfred endet.)
„Was zum Schweigen gebracht wurde, wird tosen, um gehört zu werden, und sei es stumm.“ – Der Report der Magd, S. 204
Fazit:
Letztlich hat mir die Geschichte sehr gut gefallen. Den Gedanken von Desfred war gut zu folgen, die bildliche Schriftsprache von M. Atwood hat mir die Lebensumstände von Desfred nahe gebracht. Ihre Handlungen waren für mich nachvollziehbar und authentisch. Besonders beeindruckt hat mich ja der Schreibstil der Autorin, der so viel zwischen den Zeilen offenbart und mich definitiv in den Bann gezogen hat. Es herrschte durchweg eine drückende Stimmung, die durch Charaktere, Ortsbeschreibungen und der großen Einsamkeit von Desfred aufrecht gehalten wurde. Doch M. Atwood hat es geschafft, die beklemmende Stimmung in schöne Sätze zu verpacken, sodass ich immer immer wieder Lächeln musste. Der Stil hat mich einfach fasziniert. So hat die Autorin auch in mir Kontraste beim Lesen erschaffen. Ein schweres Thema, durch sprachliche Kunst schön umhüllt.
Über das Ende muss ich mir noch immer klar werden. Es ist ganz anders als erwartet gewesen, weshalb ich umso neugieriger auf den zweiten Band, Die Zeuginnen, bin. Mir schwirren noch viele Fragen im Kopf umher, die das Buch, Der Report der Magd, so leider nicht beantworten konnte…
Also mal ehrlich. An alle, die das Buch schon gelesen haben, das Ende macht mich einfach fassungslos! Seid ihr mir da einer Meinung?